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Autor: Weltenbruch

Erstellt am: 10.10.2019

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Der Prüfer



Geschrieben von:   Weltenbruch


Anmerkungen des Autors:
Die Schulkontrolle an der Dorfschule verläuft nicht wie erhofft.



Auch auf YouTube vertont: https://www.youtube.com/watch?v=E-R8o696_nI

Herr Tremens war Lehrer an einer Dorfschule in der ersten Hälfte des 20ten Jahrhunderts.
Seine Schüler waren allesamt Kinder und Halbstarke aus der Umgebung, denen er grundsätzliche Dinge beibrachte. Einfache Mathematik, etwas Lesen und Schreiben, nichts Besonderes. Eine Klasse war es, fünf Tage die Woche. Er bereitete die Schüler nicht auf eine Karriere als Akademiker vor, er versuchte ihnen nur genug beizubringen, dass sie niemand übers Ohr hauen konnte.
Die Schulregelungen waren zu diesem Zeitpunkt noch locker – insbesondere in den ländlichen Gebieten – aber wie bei jeder anderen Schule im Land auch, wurde ab und zu überprüft, wie die Verhältnisse stehen. Herr Tremens war schon informiert worden, dass der zuständige Prüfer demnächst eintreffen würde.
Anscheinend war heute der Tag seines Besuchs und da der Zug nur zweimal am Tag hielt, konnte man gut abschätzen, wann er eintreffen würde.
Herr Tremens machte sich keine Sorgen, vor fünf Jahren hatte er die Prüfung ohne Probleme überstanden.
„Marie, bitte rück dein Kleid noch mal zurecht. Heiko, bitte nimm die Hände aus den Hosentaschen. Wir wollen doch einen guten Eindruck machen“, sagte Herr Tremens und ließ seinen Blick noch einmal über seine Klasse schweifen.
Dann läutete die Türglocke draußen. Der Prüfer!
„Heiko bitte mach jetzt.“
Herr Tremens warf der Klasse noch einmal einen prüfenden Blick zu, öffnete die Tür zum Flur, schloss sie wieder und ging dann langsam zur Eingangstür. Das Häuschen bestand aus einem Klassenzimmer, einem winzigen Büro, dem Flur und einer Toilette; es war vermutlich eine der kleinsten Dorfschulen der Welt.
Er lief weiter und öffnete dem Prüfer, einer Frau in den besten Jahren, die breit lächelte.
„Herr Tremens, ist das richtig?“, fragte die Frau und Herr Tremens nickte, leicht verwirrt, eine Frau vor sich zu haben, normalerweise war er immer von Männern geprüft worden. „Mein Name ist Marlene Dano. Ich komme von – ach Sie wissen ja von meinem kleinen Besuch.“ Sie machte eine kurze Pause. „Wie schätzen Sie denn selbst die Lage ein?“
Er kratzte sich am Kopf; darauf war Herr Tremens nicht vorbereitet.
„Gut, gut“, sagte er geistesabwesend, immer noch verwirrt über die Frage.
„Na dann lass ich mich mal überraschen, laut den Unterlagen, ist es ja nur eine Klasse. Aber mein Glückwunsch, es ist wirklich ruhig hier, damit haben viele Lehrer Probleme.“
„Ich denke, ein bisschen Autorität kann helfen.“
„Sicherlich, sicherlich, die jungen Lehrer haben ja damit oft zu kämpfen.“
Herr Tremens nickte zustimmend.
„Ich habe mich etwas gewundert – als man mir mitteilte, hier vorbeizuschauen – wie Sie noch genug Schüler zusammenbekommen haben, nachdem die Truppen hier eingefallen sind. Soll ja ein Massaker gewesen sein.“
Herr Tremens war verwirrt, davon wusste er nichts, höchstens dunkel weit hinten in seinen Gedanken vergraben, die Prüferin schien einem Gerücht aufgesessen zu sein.
„Bringen wir's hinter uns, ich denke hier wird schon alles korrekt sein.“
Zusammen gingen die beiden den Gang entlang zum Klassenzimmer. Herr Tremens öffnete die Tür und ließ die Prüferin herein. Sie begann mit einer kleinen Begrüßung, brach jedoch mitten im Satz ab. Skelettierte Körper saßen aufgerichtet auf den Stühlen, den leeren, toten Blick zur Tafel gewandt.
„Heiko, nimm die Hände aus den Hosentaschen, sonst gibt’s auf die Finger!“, sagte Herr Tremens, während die Prüferin erstarrte.